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15. JAHRESTAG DER BEFREIUNGSAKTION

Wende auf dem Balkan

Hans-Ueli Sonderegger


über kroatische Befreiungsaktion im August 1995




Vier Jahre lang beschworen die Vertreter der mächtigsten militärischen Allianz der Welt händeringend die unkalkulierbaren Gefahren jeder Intervention gegen die serbische Aggression; in vier Tagen machte die kroatische Armee im Alleingang dem bösen Spuk im eigenen Land ein Ende.
Die Blamage westlicher Appeasement-Politik hätte grösser kaum sein können. Doch sie ist nur das kleinste Übel in der endlosen Geschichte politischer Feigheit, intellektueller Blindheit, moralischer Kompromittierung und militärischer Verzagtheit, welche kaltblütiges Kalkül und archaische Brutalität dieses Krieges begleiteten und in ihrer Wirkung potenzierten. Die Verurteilung der kroatischen Rückeroberung der Krajina durch betupfte Politiker, Diplomaten und Militärs ist deren Fortsetzung. In Washington immerhin scheint sich die Erkenntnis durchgesetzt zu haben, dass die kroatische Offensive das balkanische Kräfteverhältnis verändert und neue Perspektiven für Friedenslosungen eröffnet.

Gerade dagegen aber waren seit dem nicht mehr zu vermeidenden Kollaps des titoistischen Jugoslawien die meisten ausländischen Bemühungen gerichtet. So schaute die Welt nicht nur tatenlos zu, als im Sommer 1991 die serbisch geführte Jugoslawische Armee und ihre Stellvertreter mit brutaler Gewalt mehr als einen Viertel des kroatischen Territoriums eroberten. Sie applaudierten, als im Herbst ein Waffenstillstand unter Uno-Aufsicht folgte, der seither die serbischen Eroberungen faktisch absicherte. Und als grosser Erfolg der Friedensbemühungen wurde das Waffenembargo gegen ganz Ex-Jugoslawien gefeiert, das nicht nur Aggressor und Opfer gleichstellt, sondern den Aggressor indirekt bevorzugt, weil Serbien sich den Besitz des weitaus grössten Arsenals der ehemaligen jugoslawischen Armee verschaffte.

So wurden vor allem Bosnien die Mittel für das von der Uno-Charta ausdrücklich anerkannte Recht auf Selbstverteidigung vorbehalten. Seine Wehrlosigkeit kostete ihm mehr als die Hälfte seines Staatsgebietes, Hunderttausende von Toten und vertriebenen. Die Gründe dieser Ungleichbehandlung von Opfer und Aggressor unter dem unsäglichen offiziellen Deckmantel sind unterschiedlich. Gemeinsam ist den westlichen Demokratien die Entschlossenheit, sich nicht in den jugoslawischen Sumpf hinein ziehen zu lassen, Paris, vor allem London aber prägten zusätzlich Sympathien für Belgrad. Ein aussenpolitisch führungsschwacher US-Präsident und das traditionell Serben-freundliche Moskau runden das Bild ab, das sich in der verhängnisvollen Vorstellung der Uno in Kroatien und Bosnien widerspiegelt.

Der grösste gemeinsame Nenner der in der sogenannten Kontaktgruppe vereinten, am Balkan interessierten Mächte, den Konflikt einzudämmen, ausbrennen und den Sieg dem Stärkeren zu überlassen, stellte den Kampfwillen Kroatiens zu wenig in Rechnung. Unter dem Einfluss der serbischen Propaganda und oftmals ideologischer Voreingenommenheit konnte Kroatien, das erste Opfer der serbischen Aggression, ausserhalb seiner nördlichen Nachbarn, nie auf viel Sympathien zählen. In völliger Verkennung seiner tausendjährigen Geschichte blieb sein Wille zur Nationwerdung suspekt, die jahrhundertealten Symbole seiner Staatlichkeit als angeblicher Ausdruck einer Ustascha-Renaissance missdeutet. Präsident Tudjman, im Krieg als Tito-Partisan Ustascha-Feind, findet mit seiner starken Hand und der Beschwörung nationaler Identität als angeblicher Diktator und nationalistischer Scharfmacher Verurteilung. Ungeachtet der widrigen Umstände, in denen sich das junge Kroatien befand, die Besetzung weiter Teile seines Landes, Hunderttausende von Flüchtlingen, unterbrochene Verkehrsverbindungen, eine wegen des serbischen Terrors darniederliegenden Fremdenverkehrswirtschaft wurden und werden an das Land die Massstäbe seit Jahrzehnten geordneter und gesetzter westlicher Demokratien angelegt.

Zagrebs Offensive zur Rückeroberung der Krajina schien Gelegenheit, die Vorurteile über Kroatien und ebenso die Missdeutung der Balkan-Tragödie als archaischen Bürgerkrieg zu bestätigen. Die Flucht von über hunderttausend Krajina-Serben, die dramatischen Bilder ihres verzweifelten Treks fänden schnelle Interpretation als ethnische Säuberungen durch die Kroaten. Und fast gierig suchte das Auge der TV-Kameras nach Tod und Verwüstungen durch Tudjmans >Soldateska>. Nüchterne .Beobachter stellten fest, dass die serbische Fluchtwelle nicht Folge ethnischer Säuberung durch Einschüchterung und Terror, sondern wohl mehr Folge serbischer Greuelpropaganda, Panik und schlechten Gewissens war. Der Flucht der Serben gingen vor vier Jahren Einschüchterung und Terror gegen Kroaten In der Krajina durch die Serben voraus, die schliesslich zu Flucht und Vertreibung von 270 000 Krajina-Kroaten führten. Zagreb dagegen suchte zu Beginn der Offensive durch stündlich wiederholte Appelle Tudjmans am Radio, durch eine Amnestie und einen zumindest auf dem Papier einmaligen Minderheitenschutz, die Serben zum Bleiben zu veranlassen. Die von Vorurteilen bestimmte Gleichstellung der kroatischen Rückeroberungs-offensive mit dem serbischen Aggressionskrieg wurde schliesslich auch durch die Kriegsführung selber widerlegt. Die seither erfolgenden, das Faktum der Flucht irreversibel machenden Zerstörungen entvölkerter serbischer Dörfer lassen Zagrebs Politik allerdings in schiefem Licht erscheinen. Dennoch: wenn Kroatien heute bis auf hunderttausend meist in den Städten lebende Serben ethnisch gesäubert ist, so ist dies nicht Folge eigener Xenophobie. Kroatiens Serben sind letztlich Opfer Jener Geister geworden, die ihre verblendeten, fanatisierten Landsleute selber liefen.

Kroatien ist gestärkt aus dem Ringen hervorgegangen. Mit der Schlagkraft und Motivation seiner Armee ist es zu einem Machtfaktor geworden, der die Kräftekorrelation auf dem Balkan verändert. Diese Perspektive scheint man in Washington schon vor der Offensive erkannt und Zagreb deshalb indirekt auch grünes Licht gegeben zu haben. Während London, Brüssel und die Uno im üblichen Ritual der Heuchler die kroatische Rückeroberung verurteilten, machten Präsident Clinton und Kanzler Kohl keinen Hehl aus ihren Erwartungen, mit Zagrebs Sieg liessen sich die Karten im Balkan-Poker neu mischen. Erstmals seit vier Jahren ist der serbische Aggressor auf einen ernstzunehmenden Gegner gestossen. Der unmittelbar nach der Krajina-Besetzung ausgebrochene Machtkampf unter den bosnischen Serben war sichtbare Folge.

Die Krux der neuen Kräftekonstellation indessen bleibt Bosnien, die zentrale Frage, wie sich die neuen Machtverhältnisse auf das balkanische Pulverfass auswirken wird. Bosnisch-kroatische Zusammenarbeit unter amerikanischem Druck vermochte die Front zwar, mit Ausnahme der Uno-"Schutzzonen", zu stabilisieren. Gegenoffensiven um Sarajevo und Tuzla aber blieben weitgehend stecken. Die erste wesentliche Veränderung im bosnischen Kräfteringen, die Befreiung der Moslem-Enklave Bihac, ist Folge der kroatischen Krajina-Offensive. Werden die Kroaten den Schwung ausnützen, sich in Bosnien weiter zu engagieren? Und wenn ja, mit welchem Ziel? Geht es Zagreb tatsächlich um die Verwirklichung von Gross-Kroatien auf Kosten Bosniens, wie es ein angebliches Geheimabkommen mit Belgrad vorsehen soll? Oder trachtet Kroatien nach der Zurückdrängung der bosnischen Serben und der Etablierung einer gestärkten bosnisch-kroatischen Föderation?
Nach dem Sturm der kroatischen Offensive liegt Ungewissheit über der Szene. Sowohl Belgrad als auch Pale scheinen noch immer betäubt. Offensichtlich von längerer Hand vorbereitet zeigt sich einzig Washington bereit, die neue Konstellation durch neue Bewegung an der diplomatischen Front auszunützen. Ein neuer Friedensplan für Bosnien soll den Durchbruch schaffen. Dabei stützt sich Amerika auf die Hoffnung, die durch die kroatische Offensive geschwächten Serben in Pale erwiesen sich nun kompromissbereit.

Diese Hoffnung indessen könnte einmal mehr enttäuscht werden. Ein Kräftegleichgewicht zwischen Serbien und Kroatien verändert noch nicht zwangsläufig die Kräfteverhältnisse in Bosnien und noch weniger die Realität der serbischen Eroberungen. Nach all der Belgrader Hetzpropaganda, der nationalistisch-ideologischen Indoktrination und den erbrachten Opfern dürfte ein Nachgeben in Bosnien nicht ohne Folgen für die Machtposition der serbischen Scharfmacher selber bleiben. Ohne militärische Drohung, mit der Aufhebung von Sanktionen allein, dürften weder Milosevic noch Karadzic zu einschneidenden Konzessionen bereit sein. Eine entscheidende Kräfteveränderung in Bosnien selber aber setzt die Aufrüstung der Regierungsarmee voraus, um endlich mit gleichlangen Spiessen gegen den Aggressor antreten zu können. Eine solche Aufrüstung stellt Washington angeblich als Druckmittel gegen Serbien zur Annahme seines Planes in Aussicht. Was davon weiter durchsickert, würde indessen Frieden auf Kosten Bosniens bedeuten, kaschiert durch ein verfassungsrechtliches Konstrukt ohne Lebenschancen: die Aufteilung Bosniens zwischen Serbien und Kroatien in dosierten Rationen? Dazu kann Sarajevo, dazu dürfte auch der Westen nicht ja sagen. Bosnien ist eine ¨ber die Jahrhunderte gewachsene, eigenständige soziale, politische und kulturelle Grösse. Und wenn dieses land auch oftmals allzu schwärmerisch als multikulturelle Idylle Idealisierung findet, zur Handelsmasse eines Friedens darf es nicht verkommen.

Nach vier Jahren Krieg ist es höchste Zeit, das Bosnien-Problem realpolitisch anzugehen: Abkehr vom frommen Wunsch nach Rückeroberung oder Reintegration aller serbisch eroberten Gebiete und Wiederherstellung der territorialen Integrität in den Vorkriegsgrenzen ebenso wie blauäugig-heuchlerisches Festhalten an Friedensverhandlungen ohne Zähne. Bosnien ist ein realistischer, überlebensfähiger territorialer Rahmen als souveräner, föderaler Staat zu schaffen, der unter militärischem Druck am Verhandlungstisch durchzusetzen wäre. Das bedingt ein Kräftegleichgewicht in Bosnien ebenso wie die Bereitschaft zur Hinnahme gewisser, von Serbien unter internationalem Stillhalten geschaffener Fakten insbesondere im Norden und Osten des Landes. Die Rückgewinnung der bosnischen Vorkriegsgrenzen übersteigt die Kräfte Bosniens ebenso wie die Kompromissbereitschaft Belgrads und da Engagement von Drittstaaten.

Jahrhundertelang unter Fremdherrschaft war das heutige Jugoslawien Schauplatz sich wiederholender Kriege, Plünderungen, Vertreibungen und Immigrationsströme. Weder Reichsordnung noch kommunistischer Vielvölkerstaat brachten ihm dauerhaften Frieden und Stabilität, verhinderten aber die Herausbildung stabiler demokratischer, multikultureller Nationalstaaten, jene Entwicklung, die der Westen Europas, übrigens keineswegs immer friedlich, vollzog. Die Schaffung saturierter Nationalstaaten als Heimstätten der grossen nationalen Identitäten des Balkans mit international garantiertem Minderheitenschutz müsste das Ziel einer Friedenspolitik sein. Dessen Verhinderung durch Festhalten am titoistischen Knstrukt war Mitursache des heutigen Desasters, die Kapitulation vor der grossserbischen Aggression vollendete die Tragödie. Die Aufrechterhaltung der Fiktion des integralen bosnischen Vielvölkerstaates dürfte sie nur verlängern. Die Reintegration der Mehrheit der bosnischen Serben bleibt Utopie, für deren Verwirklichung sich nur Lippendienste finden.

Bosnien hätte 1992 gerettet werden müssen und durch entschlossenes Handeln wohl auch gerettet werden können. Heute geht es darum, mit realen Mitteln ein Gleichgewicht zwischen Kroatien, Serbien und einem redimensionierten, vom Westen gestützten Bosnien anzustreben, statt Ideale zu beschwören, deren Preis zu bezahlen niemand bereit ist. Kroatien hat die Balkan-Sackgasse deblockiert und gezeigt, dass Bewegung möglich ist, wenn politischer Wille durch militärische Macht untermauert wird. Es ist an den westlichen Möchte, das neue Kräfteverhältnis als Gelegenheit für eine Wende zum Besseren zu nutzen.

Hans-Ueli Sonderegger
Samstag, 19. August 1995

(05.08.2010.)

 

 

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